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Friedrich Clemens Gerke (1801-1888)

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  • Friedrich-Clemens-Gerke-Turm Hamburg's Gedenkbuch Mein Spaziergang durch Hamburg
  • Fr. Clemens: Hamburg's Gedenkbuch (1844)

    Etwa 2015 fiel mir zufällig das 1844 erschienene und 1978 neu aufgelegte Buch Hamburg's Gedenkbuch – eine Chronik seiner Schicksale und Begebenheiten, bearbeitet von Fr. Clemens in die Hände. Ich las es mit großer Begeisterung. Der Stil ist eine ungewöhnliche Mischung aus Satire, beißender Kritik (vor allem an der Intoleranz orthodoxer Lutheraner), Poesie, Polemik und Ironie, siehe Kostproben aus dem Gedenkbuch. Das Buch ist auch im Original im Internet verfügbar (STAATS- UND UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK HAMBURG: Hamburg's Gedenkbuch: eine Chronik seiner Schicksale und Begebenheiten vom Ursprung der Stadt bis zur letzten Feuerbrunst und Wiedererbauung). Über den Autor gibt es in diesem Werk keine Hinweise.

    Heute weiß ich, dass es sich um

    Friedrich Clemens Gerke (1801-1888)

    handelt, einen ungemein vielseitigen Musiker, Dichter, Journalisten, Verfasser von unzähligen Traktaten und Büchern zu unterschiedlichsten Themen, Anhänger der Aufklärung, Sozialkritiker und Pionier der Telegrafie (!) handelt, der in ärmsten Verhältnissen aufwuchs und sich sein reiches Wissen als Autodidakt angeeignet hat, siehe auch Friedrich Clemens Gerke (Wikipedia). Dass Gerke eine Wikipedia-Seite gewidmet ist, ist vor allem seinem Beitrag zur elektromagnetischen Telegrafie zu verdanken. Er hat im Jahr 1851 den Morse-Code entscheidend vereinfacht - sein verändertes Morsealphabet ist bis auf geringe Änderungen das bis heute verwendete gültige Internationale Telegraphenalphabet in der Morsetelegrafie. Ihm zu Ehren trägt der Fernsehturm in Cuxhaven den Namen Friedrich-Clemens-Gerke-Turm. Aber sein Wirken geht weit über diesen Beitrag hinaus .

    Gerke ist ganz gewiss kein Historiker, die Abfassung des immerhin 860 Seiten umfassenden Gedenkbuches (ohne Quellenangaben) war offensichtlich für ihn eher eine Auftragsarbeit seines Verlegers Berendsohn, die er en passant erledigte.

    Würdigung durch Hans Brecht im Jahr 2000

    Von Jörg Berlin wurde ich auf eine großartige, umfassende Würdigung von Friedrich Clemens Gerke durch Hans Brecht (1923-2007) aufmerksam, die anlässlich des 200. Geburtstages von Gerke in der Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Bd 86, erschien. Ich habe aus der digitalen Online-Version eine besser lesbare und von mir im Anhang mit vielen Kommentaren versehene pdf-Version erstellt: Hans Brecht: Friedrich Clemens Gerke, ein fast vergessener Hamburger Schriftsteller und Erfinder. Es ist mir ein persönliches Anliegen, hierdurch und durch weiteres dazu beizutragen, Friedrich Clemens Gerke wieder etwas "zu beleben". Hans Brecht (1923-2007) hatte in seinem Beitrag eine Biographie über Gerke mit dem Titel Stets der Welt die Stirn geboten angekündigt, die leider nicht erschien.

    Kurzer Lebenslauf von Gerke

    Die folgende Darstellung bietet lediglich eine knappe Skizze des Lebenslaufs von Gerke; der Artikel von Brecht, dem die Angaben entnommen sind, ist deutlich informativer.

    Gerke wurde 1801 geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach dem Besuch einer Dorfschule trat er im Alter von 16 Jahren eine Stellung als Bediensteter in Hamburg an, zuletzt bei einem Senator, für den er die Bücher führte. Mit 18 Jahren heiratete er und verdingte sich anschließend als Söldner der britischen Armee in Kanada, wo er im Regimentsorchester musizierte. Mit 21 Jahren kehrte er mit seiner jungen Frau nach Hamburg zurück und verdiente seinen Lebensunterhalt als Musikus in der St.-Pauli-Kneipe „Vier Löwen“, die auch als Bordellbetrieb diente.

    Seine eigentliche Leidenschaft galt jedoch dem Schreiben. Im Alter von 31 Jahren veröffentlichte er unter dem Namen Friedrich Clemens seinen ersten Gedichtband; zwei Jahre später folgte ein zweiter. Dadurch wurde er in Hamburger Intellektuellenkreisen bekannt; selbst der einflussreiche Kritiker Karl Gutzkow lobte seine Gedichte.

    Gerke war von einer rationalistischen Religiosität geprägt, die auf der Suche nach einem einzigen, wahren Gott beruhte, gegründet auf Vernunft und Naturgesetze. Jede Form religiöser, auch christlicher Mystik lehnte er ab. Die Wunder der Bibel hielt er für „Märchen“, die christliche Religion betrachtete er als reformierte jüdische Religion, Jesus lediglich als weisen, menschenfreundlichen Lehrer. Bis ins hohe Alter veröffentlichte er zahlreiche Schriften zum historischen Jesus. Zugleich wandte er sich scharf gegen die etablierten Kirchen, gegen katholische Geistliche ebenso wie gegen jüdische Rabbiner. Er setzte sich zugleich vehement für die rechtliche Gleichstellung der Juden als Bürger ein, unter anderem in Schriften von 1835 und 1843. In eine ähnliche Richtung zielte auch sein 1836 erschienenes Manifest der Vernunft. Im selben Jahr beschloss der Bundestag das Verbot aller bis dahin erschienenen und künftig erscheinenden Schriften Gerkes; man warf ihm mangelnde wissenschaftliche Bildung vor.

    In den folgenden Jahren versuchte sich Gerke, offenbar mit begrenztem Erfolg, als Autor von Dramen und Romanen, wurde jedoch zugleich als „talentvoller deutscher Schriftsteller“ gewürdigt. Parallel schrieb er – meist anonym – für Hamburger Zeitungen und Zeitschriften, darunter die Hamburger Nachrichten.

    Im Sommer 1839 gab Gerke nach 16 Jahren seine Tätigkeit als Musiker in den „Vier Löwen“ auf; offenbar konnte er nun von seiner schriftstellerischen Arbeit leben. Er verfasste unter anderem Beiträge für die Taschenbuchreihe Berendsohn’s Wohlfeilste Volksbibliothek (etwa über Napoleon Bonaparte, Martin Luther und Mohammed) sowie Theater- und Literaturkritiken.

    Zugleich engagierte sich Gerke intensiv in sozialen Fragen, bereits deutlich sichtbar in seinem Werk Mein Spaziergang durch Hamburg (1838). Er schrieb über Armut, Waisenkinder, Prostituierte, Kindergärten, Schulen für Frauen und entwickelte Vorschläge zu Rentenfonds, Arbeitsvermittlung und sogenannten „Armengärten“. Brecht charakterisierte ihn treffend als einen „unermüdlichen Weltverbesserer“, dem die Anerkennung als sozialer Vordenker nicht versagt werden könne. Darüber hinaus zeigte Gerke großes Interesse am technischen Fortschritt, insbesondere an den Projekten des englischen Ingenieurs William Lindley (Eisenbahnbau, Wasserversorgung, Sielsystem, Wasch- und Badeanstalten).

    Eine erneute Wendung nahm sein Leben 1841: Im Alter von 40 Jahren wurde Gerke Inspektor des Optischen Hamburg-Cuxhavener Telegraphen, der sich während des Großen Hamburger Brandes bewährte. In diese Zeit fällt auch die Fertigstellung seines umfangreichen Auftragswerkes Hamburgs Gedenkbuch (1844), seines erfolgreichsten Buches.

    Gerke erkannte früh die Begrenztheit des optischen Telegraphen, nachdem 1847 in Hamburg der neue elektro-magnetische Telegraph von Samuel Morse vorgeführt worden war. Bereits 1848 trat er als Inspektor in den Dienst der neuen Telegraphengesellschaft. 1851 veröffentlichte er ein ausführliches Handbuch für Telegraphisten, in dem er eine entscheidende Verbesserung des Morse-Systems vorschlug, die bis heute internationale Gültigkeit besitzt. Brecht bemerkte dazu: "Das bis heute benutzte Morse-Alphabet sollte eigentlich Gerke-Alphabet heißen." 1868 wurde Gerke als Beamter zum Vorsteher der Central Station Hamburg ernannt und erhielt bis zu seinem Lebensende eine – wenn auch bescheidene – Beamtenpension.

    Trotz seiner zeitintensiven Tätigkeit im Telegraphenwesen blieb Gerke literarisch außerordentlich produktiv. Er schrieb zahlreiche Beiträge für den Hamburger Beobachter und veröffentlichte weiterhin Bücher, darunter das Allbuch – eine Bibel (1848), die Geschichte des Rabbi Jeschua ben Josef hanootzri (1855) und die Naturgeschichte des innern Erdballs oder die Urwelt (1866).

    Auszüge aus Gerkes Schriften

    Es gibt noch keine vollständige Liste aller Schriften von Gerke. Dies liegt zum einen daran, dass ein erheblicher Teil seiner journalistischen Tätigkeit anonym oder unter einem Pseudonym erfolgte – eine im Vormärz keineswegs ungewöhnliche Praxis. Zum anderen sind viele seiner Werke heute nur schwer oder gar nicht mehr zugänglich; einige lassen sich allenfalls antiquarisch erwerben. Weitere Schriften von Gerke kann man der Wikipedia-Seite über Gerke und dem Aufsatz von Hans Brecht entnehmen. Am Ende liste ich Werke von Gerke auf, die digital zur Verfügung stehen.

    Neben dem eingangs erwähnten Hamburg's Gedenkbuch habe ich mit großer Begeisterung das über 300-seitige Werk
    Mein Spaziergang durch Hamburg .. Poleographische Genre-Bilder. 1838 Altona. Hammerich
    gelesen, das als Google-Buch digital verfügbar ist.

    Aus dieser Schrift habe ich einige Passagen zusammengestellt, die mir besonders hervorhebenswert erscheinen: Auszüge aus "1838 Mein Spaziergang ..." Sie betreffen unter anderem

    Besonders hervorheben möchte ich Gerkes Einsatz für die Emanzipation der Juden, der sich auch in mehreren der eben genannten Auszüge zeigt, siehe auch Auszug aus "1835 Diversion eines Christen... ..." (Wenn man hier "Jude" durch "Flüchtling" ersetzt, mag sich so mancher angesprochen fühlen) und 1843 Auszug aus "Der Juden Sache ist unsre Sache... ..."

    Eine ganz besondere Kategorie von Gerkes Schriften, mit denen ich mich hier nicht näher befasst habe, bilden seine historisch-kritischen Auseinandersetzung mit Jesus, den er konsequent Rabbi Jeschua ben Josef nennt. Hans Brecht nennt drei Bände des 1853 erschienenen Werkes Geschichte des Rabbi Jeschua ben Joszef hanootzri, genannt Jesus Christus, in denen die christliche Dogmatik entmythologisiert wird - ganz im Sinne von Gerkes Fortschritts- und Vernunftdenken. Brecht nennt zudem einen vierten Band, der 1857 bei Heilbutt in Altona erschien und von der Altonaer Polizei wegen "Gotteslästerung" samt aller früheren Bände beschlagnahmt wurde. Brecht berichtet auch von einem 1867 im Selbstverlag von Gerke erschienenen Buch Jesus der Nazarener.

    Im Internet finden sich zahlreiche Hinweise auf diese Schriften, die in verschiedenen Jahren, mit unterschiedlichen Titeln, in diversen Verlagen (meistens bei Heilbutt, Altona) und Auflagen und zu unterschiedlichen Preisen angeboten werden. Häufig fehlt eine Autorenangabe - vermutlich eine Folge des zeitweiligen Verbots dieser Bücher. Auffällig ist, dass die Werke bis heute, insbesondere im ангloamerikanischen Raum, eine gewisse Verbreitung gefunden haben; so existieren Neuauflagen einzelner Bände noch aus dem Jahr 2010. Mehrere Fassungen des ursprünglich 1867 erschienenen Jesus der Nazarener werden dabei unter dem Autorennamen Fr. Clemens angeboten.

    Downloads

    Hier können weitere Schriften von Gerke, die mir Jörg Berlin zur Verfügung stellte oder die ich als im Internet fand, heruntergeladen werden:

  • Titelblatt 1835 Freiheitskampf Titelblatt Manifest Titelblatt Entschleierte Bild zu Sais Titelblatt Der Juden Sache ist Titelblatt  Telegraphist Titelblatt Rabbi Jeschua Titelblatt Naturgeschichte


  • Meine Webseite über Hamburg - Historisches und Stadtgänge