Friedrich Clemens Gerke (1801-1888)
Bodo Werner
Heute weiß ich, dass es sich um
Gerke ist ganz gewiss kein Historiker, die Abfassung des immerhin 860 Seiten umfassenden Gedenkbuches (ohne Quellenangaben) war offensichtlich für ihn eher eine Auftragsarbeit seines Verlegers Berendsohn, die er en passant erledigte.
Gerke wurde 1801 geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach dem Besuch einer Dorfschule trat er im Alter von 16 Jahren eine Stellung als Bediensteter in Hamburg an, zuletzt bei einem Senator, für den er die Bücher führte. Mit 18 Jahren heiratete er und verdingte sich anschließend als Söldner der britischen Armee in Kanada, wo er im Regimentsorchester musizierte. Mit 21 Jahren kehrte er mit seiner jungen Frau nach Hamburg zurück und verdiente seinen Lebensunterhalt als Musikus in der St.-Pauli-Kneipe „Vier Löwen“, die auch als Bordellbetrieb diente.
Seine eigentliche Leidenschaft galt jedoch dem Schreiben. Im Alter von 31 Jahren veröffentlichte er unter dem Namen Friedrich Clemens seinen ersten Gedichtband; zwei Jahre später folgte ein zweiter. Dadurch wurde er in Hamburger Intellektuellenkreisen bekannt; selbst der einflussreiche Kritiker Karl Gutzkow lobte seine Gedichte.
Gerke war von einer rationalistischen Religiosität geprägt, die auf der Suche nach einem einzigen, wahren Gott beruhte, gegründet auf Vernunft und Naturgesetze. Jede Form religiöser, auch christlicher Mystik lehnte er ab. Die Wunder der Bibel hielt er für „Märchen“, die christliche Religion betrachtete er als reformierte jüdische Religion, Jesus lediglich als weisen, menschenfreundlichen Lehrer. Bis ins hohe Alter veröffentlichte er zahlreiche Schriften zum historischen Jesus. Zugleich wandte er sich scharf gegen die etablierten Kirchen, gegen katholische Geistliche ebenso wie gegen jüdische Rabbiner. Er setzte sich zugleich vehement für die rechtliche Gleichstellung der Juden als Bürger ein, unter anderem in Schriften von 1835 und 1843. In eine ähnliche Richtung zielte auch sein 1836 erschienenes Manifest der Vernunft. Im selben Jahr beschloss der Bundestag das Verbot aller bis dahin erschienenen und künftig erscheinenden Schriften Gerkes; man warf ihm mangelnde wissenschaftliche Bildung vor.
In den folgenden Jahren versuchte sich Gerke, offenbar mit begrenztem Erfolg, als Autor von Dramen und Romanen, wurde jedoch zugleich als „talentvoller deutscher Schriftsteller“ gewürdigt. Parallel schrieb er – meist anonym – für Hamburger Zeitungen und Zeitschriften, darunter die Hamburger Nachrichten.
Im Sommer 1839 gab Gerke nach 16 Jahren seine Tätigkeit als Musiker in den „Vier Löwen“ auf; offenbar konnte er nun von seiner schriftstellerischen Arbeit leben. Er verfasste unter anderem Beiträge für die Taschenbuchreihe Berendsohn’s Wohlfeilste Volksbibliothek (etwa über Napoleon Bonaparte, Martin Luther und Mohammed) sowie Theater- und Literaturkritiken.
Zugleich engagierte sich Gerke intensiv in sozialen Fragen, bereits deutlich sichtbar in seinem Werk Mein Spaziergang durch Hamburg (1838). Er schrieb über Armut, Waisenkinder, Prostituierte, Kindergärten, Schulen für Frauen und entwickelte Vorschläge zu Rentenfonds, Arbeitsvermittlung und sogenannten „Armengärten“. Brecht charakterisierte ihn treffend als einen „unermüdlichen Weltverbesserer“, dem die Anerkennung als sozialer Vordenker nicht versagt werden könne. Darüber hinaus zeigte Gerke großes Interesse am technischen Fortschritt, insbesondere an den Projekten des englischen Ingenieurs William Lindley (Eisenbahnbau, Wasserversorgung, Sielsystem, Wasch- und Badeanstalten).
Eine erneute Wendung nahm sein Leben 1841: Im Alter von 40 Jahren wurde Gerke Inspektor des Optischen Hamburg-Cuxhavener Telegraphen, der sich während des Großen Hamburger Brandes bewährte. In diese Zeit fällt auch die Fertigstellung seines umfangreichen Auftragswerkes Hamburgs Gedenkbuch (1844), seines erfolgreichsten Buches.
Gerke erkannte früh die Begrenztheit des optischen Telegraphen, nachdem 1847 in Hamburg der neue elektro-magnetische Telegraph von Samuel Morse vorgeführt worden war. Bereits 1848 trat er als Inspektor in den Dienst der neuen Telegraphengesellschaft. 1851 veröffentlichte er ein ausführliches Handbuch für Telegraphisten, in dem er eine entscheidende Verbesserung des Morse-Systems vorschlug, die bis heute internationale Gültigkeit besitzt. Brecht bemerkte dazu: "Das bis heute benutzte Morse-Alphabet sollte eigentlich Gerke-Alphabet heißen." 1868 wurde Gerke als Beamter zum Vorsteher der Central Station Hamburg ernannt und erhielt bis zu seinem Lebensende eine – wenn auch bescheidene – Beamtenpension.
Trotz seiner zeitintensiven Tätigkeit im Telegraphenwesen blieb Gerke literarisch außerordentlich produktiv. Er schrieb zahlreiche Beiträge für den Hamburger Beobachter und veröffentlichte weiterhin Bücher, darunter das Allbuch – eine Bibel (1848), die Geschichte des Rabbi Jeschua ben Josef hanootzri (1855) und die Naturgeschichte des innern Erdballs oder die Urwelt (1866).
Neben dem eingangs erwähnten Hamburg's Gedenkbuch habe ich mit großer Begeisterung das über 300-seitige Werk
Mein Spaziergang durch Hamburg .. Poleographische Genre-Bilder. 1838 Altona. Hammerich
gelesen,
das als Google-Buch digital verfügbar ist.
Aus dieser Schrift habe ich einige Passagen zusammengestellt, die mir besonders hervorhebenswert erscheinen: Auszüge aus "1838 Mein Spaziergang ..." Sie betreffen unter anderem
Eine ganz besondere Kategorie von Gerkes Schriften, mit denen ich mich hier nicht näher befasst habe, bilden seine historisch-kritischen Auseinandersetzung mit Jesus, den er konsequent Rabbi Jeschua ben Josef nennt. Hans Brecht nennt drei Bände des 1853 erschienenen Werkes Geschichte des Rabbi Jeschua ben Joszef hanootzri, genannt Jesus Christus, in denen die christliche Dogmatik entmythologisiert wird - ganz im Sinne von Gerkes Fortschritts- und Vernunftdenken. Brecht nennt zudem einen vierten Band, der 1857 bei Heilbutt in Altona erschien und von der Altonaer Polizei wegen "Gotteslästerung" samt aller früheren Bände beschlagnahmt wurde. Brecht berichtet auch von einem 1867 im Selbstverlag von Gerke erschienenen Buch Jesus der Nazarener.
Im Internet finden sich zahlreiche Hinweise auf diese Schriften, die in verschiedenen Jahren, mit unterschiedlichen Titeln, in diversen Verlagen (meistens bei Heilbutt, Altona) und Auflagen und zu unterschiedlichen Preisen angeboten werden. Häufig fehlt eine Autorenangabe - vermutlich eine Folge des zeitweiligen Verbots dieser Bücher. Auffällig ist, dass die Werke bis heute, insbesondere im ангloamerikanischen Raum, eine gewisse Verbreitung gefunden haben; so existieren Neuauflagen einzelner Bände noch aus dem Jahr 2010. Mehrere Fassungen des ursprünglich 1867 erschienenen Jesus der Nazarener werden dabei unter dem Autorennamen Fr. Clemens angeboten.